Dunkelflaute in der Pflege
- Unter-Titel: Fachtag mit Mutmachbeispielen: Wege aus der Versorgungskrise
- Datum der Veranstaltung: 19.03.2025
- Ort: digital
- Bericht:
Für Bodo de Vries, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung der Johanneswerk gGmbH, ist Deutschland "zu duselig, um mit der 'Gesellschaft des langen Lebens' umzugehen". Obwohl die demografische Entwicklung lange bekannt ist, stehen wir fast unvorbereitet vor den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft. Er beschreibt die Lage ungeschönt: "Es kommt schon heute zu einer Rationierung der Angebote. Wir sind nicht auf die Vielzahl und Vielfalt der an uns gestellten Erwartungen vorbereitet. Wir haben aktuell keine tragfähige Strategie, mit der wir unsere Belegung steuern. Jede Einrichtung hat ihre Liste mit Anfragen aber keiner weiß, wie die Aufnahmen richtig priorisiert werden sollen."
Das Angebot hält nicht Schritt
Notburga Ott, Vorständin von wir pflegen NRW, ergänzt: "Rationierung bedeutet nicht, dass Ressourcen dort eingesetzt werden, wo sie am dringendsten benötigt werden. Versuchen Sie einmal mit Pflegegrad 5 eine ambulante Versorgung zu bekommen!" Sie verweist auf Zahlen, die belegen, dass immer mehr Menschen ohne professionelle Pflegeversorgung auskommen müssen. Während vor 20 Jahren noch über 50 % der Pflegebedürftigen Unterstützung durch einen ambulanten Dienst oder eine stationäre Einrichtung erhielten, sind es heute nur noch 33 %. "Es wird immer davon gesprochen, dass die Leistungen für die Pflegebedürftigen stetig verbessert worden sind. Das stimmt aber nicht. Es sind lediglich die Leistungsansprüche gewachsen. Das Angebot hält damit aber nicht Schritt," zieht Ott Bilanz.
Tägliche Gratwanderung
Diese volkswirtschaftliche Betrachtung wird durch die persönlichen Schilderungen der Betroffenen noch verstärkt. Melanie Bialowons, Koordinatorin der digitalen Selbsthilfegruppen bei wir pflegen NRW, beschreibt ihren Alltag als pflegende Mutter als tägliche Gratwanderung zwischen Unsicherheit und Überlastung: "Meine Berufstätigkeit hängt immer von anderen Menschen ab, und meine eigene Belastung kommt immer zuletzt."
Zeit für eine gesellschaftliche Debatte
Für Ott ist es höchste Zeit für eine gesellschaftliche Diskussion über den Umgang mit dem Altern und dem steigenden Pflegebedarf: "Es gibt viele Lösungsansätze. Doch wir dürfen uns nicht im Klein-Klein verlieren, sondern müssen mutig eine große, zukunftsfähige Lösung anstreben." Dazu gehöre eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Zivilgesellschaft, professionellen Pflegekräften und Betroffenen sowie der Ausbau wohnortnaher Versorgungsstrukturen. Besonders Kommunen sieht sie hier in der Pflicht.
Innovative Lösungen als Hoffnungsträger
Trotz der düsteren Lage gibt es Mutmachbeispiele, wo verschiedene Akteure – in Fachkreisen auch "Innovationspartisanen" genannt – kooperieren, um die Herausforderungen zu bewältigen. So wurde in Münster der "Marktplatz ambulante Pflege" entwickelt – eine digitale Plattform, die es Betroffenen ermöglicht, mit einem Klick 37 Pflegedienste in der Stadt zu erreichen. Darauf ist Karin Stritzke, Pflegeplanerin der Stadt, zu Recht mächtig stolz: "Wir haben fast 100 % der Pflegedienste aus Münster auf dem Marktplatz." Stephanie Duesmann, Leiterin der ambulanten Dienste der Diakonie, betont: "Unsere Mitarbeitenden sind erleichtert, weil sie Menschen nun auch dann eine Perspektive bieten können, wenn bei uns gerade keine Kapazitäten frei sind." Der Marktplatz ist Ergebnis einer Gemeinschaftsinitiative der Stadt Münster mit dem Arbeitgeberbündnis "Starke Pflege in Münster".
Vereinbarkeit von Beruf und Pflege
Auch in der Emscher-Lippe-Region gibt es Fortschritte: Die Arbeitgeber der Ruhrgebietskonferenz-Pflege haben sich mit regionalen Partnern zusammengetan und das Konzept "Care for Work" entwickelt. Ziel ist es, pflegend Beschäftigte durch schnelle Vermittlung von Unterstützungsangeboten zu entlasten und ihnen die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu erleichtern. Kerstin Schönlau, Geschäftsbereichsleiterin der Seniorenhilfe im Diakoniewerk Gladbeck, Bottrop, Dorsten fasst die Idee so zusammen: "Gemeinsam mit den Koordinierungsinstanzen der Region wollen wir den Schulterschluss mit den Arbeitgebern konkret machen. Pflege ermöglicht gemeinsam mit den Arbeitgebern die Gewinnung und Weiterbeschäftigung von Arbeits- und Fachkräften vor Ort. Wir stehen bereit, um unseren Beitrag zu leisten."
Blick über die Grenzen: Buurtzorg als Vorbild
Zum Abschluss des Fachtags wurde der Blick auf internationale Modelle geworfen. Gunnar Sander, Geschäftsführer von Buurtzorg Deutschland, setzt sich seit Jahren dafür ein, das erfolgreiche niederländische Konzept nach Deutschland zu bringen. Im Mittelpunkt stehen wohnortnahe Netzwerke, die Angehörige und Nachbarschaften stärker in die Pflege einbinden. Obwohl das Projekt in Deutschland auf viele Hürden gestoßen ist, hält Sander es weiterhin für einen vielversprechenden Lösungsansatz.
Fazit: Pflege kann nur durch Kooperation gelingen
Die Quintessenz des Fachtags war für alle Beteiligten klar: Ohne Kooperation wird es nicht gehen. Niemand kann die großen Herausforderungen der "Gesellschaft des langen Lebens" allein bewältigen. Die Ruhrgebietskonferenz-Pflege und wir pflegen NRW setzen sich gemeinsam für eine bessere Zukunft der Pflege ein.
Die Zukunft der Pflege geht uns alle an. Wir bleiben dran.
Die Ruhrgebietskonferenz und wir pflegen in NRW e.V. diskutieren gemeinsam über neue Wege aus der Versorgungskrise
Der Begriff „Dunkelflaute“ stammt ursprünglich aus der Energiewirtschaft und beschreibt eine Phase, in der weder Solar- noch Windenergie ausreichend Strom liefern. Übertragen auf die Pflege steht er sinnbildlich für die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen des deutschen Pflegesektors: Es fehlt an Personal, die Infrastruktur ist unzureichend, und bereits heute kann die Versorgung vieler Pflegebedürftiger nicht mehr sichergestellt werden. Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei Weitem. Während es in der Energieversorgung in diesem Winter nur vereinzelt zu Engpässen kam, herrscht in der Pflege täglich „Dunkelflaute“.
Diese Krise und Ideen zu deren Bewältigung sind die Themen eines gemeinsamen digitalen Fachtags der Ruhrgebietskonferenz-Pflege und der Interessenvertretung wir pflegen in NRW e.V. am 19. März 2025 (13–16 Uhr) auf Zoom. Anmeldung ab sofort hier.
Der Personalmangel ist kein neues Problem. Seit Jahren weisen die Pflegearbeitgeber auf unsichtbare Warteschlangen vor Pflegediensten und stationären Einrichtungen hin. Täglich zeigt sich die Belastung in überfüllten E-Mail-Postfächern und endlosen Telefonanfragen. Betroffene fühlen sich im Stich gelassen, während viele Pflegekräfte frustriert sind, weil sie den Bedarfen nicht gerecht werden können. Die Folgen der Dunkelflaute in der Pflege müssen heute schon die pflegenden Angehörigen schultern, indem sie zunehmend die Versorgung ohne oder mit nur geringer Unterstützung bewältigen müssen, bis hin zur völligen Erschöpfung.
Lösungsansätze: Mehr Zusammenarbeit und Innovation
Einfache Antworten auf diese komplexen Herausforderungen gibt es nicht. Viele Lösungsvorschläge liegen seit Langem auf dem Tisch. Jetzt braucht es endlich eine Pflegepolitik, die diese auch umsetzt.
Internationale Arbeitskräfte anwerben: Eine gezielte Anwerbung aus dem Ausland muss intensiviert werden.
Bessere Ausbildung und Quereinstieg: Die Förderung der Pflegeausbildung sowie Programme für Quer- und Wiedereinsteiger sind essenziell.
Digitalisierung ausbauen: Pflegeroboter, KI-gestützte Dokumentationssysteme und Telemedizin können den Arbeitsaufwand reduzieren.
Mehr Pflegeassistenzkräfte: Der Ausbau von Helferberufen entlastet Fachkräfte, die sich dann auf medizinisch-pflegerische Aufgaben konzentrieren können.
Stärkung der pflegenden Angehörigen: Geeignete Qualifizierungsangebote, finanzieller Ausgleich und der Aufbau von Unterstützungsnetzwerken helfen pflegenden Angehörigen.
Prävention vor der Pflege: Verzögerung des Eintritts eines Pflege-/Betreuungsbedarfs, Dämpfung der Zunahme der Pflegebedürftigkeit
Aufhebung der Sektorengrenzen: Pflege- und Betreuung muss unabhängig vom Wohnort und der Wohnsituation der Betroffenen organisiert und finanziert werden können.
Darüber hinaus braucht es grundlegende politische Reformen:
Neue Wohnformen: Der Auf- und Ausbau von kleinräumigen Wohn- und Betreuungsformen (WG´s und Mehrgenerationenwohnen) muss besser gefördert und weniger reglementiert werden.
Community-Nursing: Regionale Pflege- und Betreuungsnetzwerke können das Zusammenspiel von familiärer und professioneller Pflege verbessern.
Reform der Finanzierung: Ein neues Finanzierungssystem muss Pflegekosten besser absichern.
Mehr politische Einflussnahme: Pflege muss aktiver in politische Prozesse einbezogen werden, um die Versorgung zu verbessern.