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Wer Angehörige pflegt, braucht auch im Betrieb Unterstützung

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Wer Angehörige pflegt, braucht auch im Betrieb Unterstützung
9. November 2024

Betriebe profitieren von einer pflegesensiblen Kultur

Die Fachtagung "Vereinbarkeit Pflege & Beruf – Gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen", zu der wir am 11. Oktober 2024 nach Dortmund eingeladen hatten, zeigte, dass Arbeitgebende mit einer pflegesensiblen Unternehmenskultur punkten können.

Gleich zu Beginn setzte Silke Völz (Institut Arbeit und Technik, Gelsenkirchen) den Rahmen mit eindrücklichen Zahlen: In NRW leben rund 1,2 Mio. Pflegebedürftige, über 86 % werden zu Hause versorgt; vorsichtige Schätzungen gehen von 600.000 erwerbstätigen pflegenden Angehörigen in NRW (bundesweit ca. 3 Mio.) aus. Viele Unternehmen hätten die Relevanz erkannt – wüssten aber oft nicht, wer im eigenen Haus betroffen ist und fehlten an Fachwissen und Ressourcen, so Völz.

Dr. Notburga Ott, Vorstandsvorsitzende von wir pflegen NRW, ordnete die arbeits- und sozialrechtlichen Rahmenbedingungen ein. Pflegezeit- und Familienpflegezeitgesetz seien wichtige Bausteine, griffen aber in der Praxis zu kurz – was sich auch in der geringen Inanspruchnahme zeige. Aus dem Publikum kam die Bestätigung: Nicht selten bleibe Betroffenen nur der Umweg über Krankmeldungen, um akute Pflegesituationen zu bewältigen. Eine verbandsinterne Mitgliederbefragung, präsentiert von Edeltraut Hütte-Schmitz (Vorstand wir pflegen), unterstrich: Flexible Arbeitszeiten und Homeoffice – also allgemeine, nicht speziell auf Pflege bezogene Maßnahmen – erleichtern die Vereinbarkeit derzeit am stärksten.

Mit Blick nach vorn stellte Dr. Sarah Hampel (Kuratorium Deutsche Altershilfe) das Landesprogramm „Vereinbarkeit Beruf & Pflege“ vor. Kern sind betriebliche Pflege-Guides – qualifizierte Beschäftigte, die Kolleg:innen mit Pflegeverantwortung niedrigschwellig beraten und mit dem digitalen „Pflegekoffer“ Informationszugänge bündeln. Ziel ist eine pflegesensible Unternehmenskultur und damit auch ein Beitrag zur Fachkräftesicherung.

Konkrete Wege zeigten die Best-Practice-Beispiele: Tilman Heitbrink (Home Instead Bochum) skizzierte, wie Unternehmen über vertraglich vereinbarte Dienstleistungen mit Pflegedienstleistern unterstützen können – von ambulanter Akuthilfe über Tagespflegeplätze bis Schulungen und Beratung. Im Evangelischen Kirchenkreis Dortmund begleitet Diane Spitz als ausgebildete Pflege-Guide Kolleg:innen mit Erstberatung und bietet eine während der Arbeitszeit nutzbare „Auszeit Pflege“ an; zudem hat der Kirchenkreis die Charta zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege gezeichnet. Bei der Katholischen St. Paulus Gesellschaft (rund 5.000 Beschäftigte) ist Vereinbarkeit ein Schwerpunkt des JoDo Familienservice von Erika Meier: Neben Aufklärung und enger Vernetzung mit Seniorenbüros und Pflegestützpunkten überzeugte das Angebot „Zeit für sich“ – zweimal monatlich können Mitarbeitende ihre pflegebedürftigen Angehörigen für einige Stunden in eine Einrichtung bringen. Kommuniziert wird breit über Intranet, Prospektständer und einen Gehaltsabrechnungen beigelegten Newsletter.

In der gemeinsamen Diskussion wurde klar: Angesichts alternder Belegschaften und Fachkräftemangels ist Vereinbarkeit von Pflege und Beruf eine strategische Aufgabe. Unternehmen brauchen Mut, neue Wege zu gehen – Beschäftigte wiederum Sichtbarkeit und sichere Ansprechstellen. Dr. Ott fasste zum Abschluss zusammen: Notwendig sind nachgeschärfte politische Rahmenbedingungen, tragfähige betriebliche Lösungen und vor allem funktionierende Sorgenetzwerke, in denen Arbeitgeber, Kommunen, Dienste und Kassen zusammenwirken. Nur so lassen sich pflegende Beschäftigte halten, entlasten und der Arbeitswelt dauerhaft erhalten.